Rückblick zur Ausstellung «Zweite Natur – Heilige Haine in der Kunst»

Ausstellung vom 27.8.– 9.10.2011
Ausstellungsprojekt im Rahmen des Kultursommers Rheinland-Pfalz 2011 "Natürlich Kultur"

Teilnehmende Künstler:
Eva ClemensRobert Dämmig | Astrid Diehl | Katja Fischer | Renate M. F. Günter
Thorsten Hallscheidt | Michael Lauterjung | Ilaria Locati | Jessen Oestergaard
Sebastian Walter-Lilienfein | Heide Weidele

Die "Zweite Natur" ist seit den Anfängen menschlicher Überlieferung ein kultureller Topos:
Seien es die legendären "Hängenden Gärten" der Semiramis, der christliche Klosterkreuzgang als irdische Vorwegnahme des Paradieses, der französische Garten des Absolutismus als Symbol der gottgegebenen Allmacht des Monarchen, der englische Landschaftsgarten als Ort der Befreiung vom Ständestaat oder allgemein die "Stadt" als kultureller Heilsort der Zivilisation. Stets ging und geht es darum, das paradiesische Urbild, die Harmonie von Natur und Mensch, wieder zu erreichen, wozu allerdings die Unterwerfung der ersten Natur notwendig schien. 
Die hieraus erwachsene "Zweite Natur", das verbesserte "Nachbild" der ersten Natur, wurde zum Sehnsuchtsmotiv menschlichen Schöpfertums, zur Steigerung des Naturschönen. Sie ist der geistgezeugte reale Raum, in dem sich Philosophie, Religion und die Künste Ausdruck verschaffen.
Die "Zweite Natur" wurde damit vor allem Kulturleistung und Gegenpol zur ursprünglichen und "wilden" Natur. Die durch den Menschen geschaffenen Kulturräume Garten und Stadt, ebenso wie die Kunst, sind deren Folgen, aber nicht nur positive. "Arkadien riecht nach Kerosin" titelte das Feuilleton der FAZ (29.09.10) und machte deutlich, dass ästhetische Wunschbilder außerhalb globaler Industrialisierung und Mobilität nicht mehr denkbar sind.

Die heutige kritische Landschaftswahrnehmung, die Wiederentdeckung der romantischen Perspektive der Fensterbilder, Künstlerkommentare zu den Rückzugsgebieten der ersten Natur, ihre Reservate, das neue Interesse am Stillleben, die zum Heilsweg gewordene  "Entschleunigung", die Naturformen der Kulturgeschichte im Landschaftsgarten, all dies und mehr ist im Themenkreis der Ausstellung möglich.

Eine metaphysisch-synthetische Metapher der Beziehung Natur-Kultur ist der "Heilige Hain", seit der Antike als Stätte der Begegnung von Mensch und "göttlicher" Natur, erfahrbar aber nur in visionärer Schau von Kunst und Dichtung. Die aktuelle Kunst reagiert auf die Differenz zwischen erster und zweiter Natur angesichts der technisch scheinbar beherrschten, aber gleichzeitig bedrohten Natur der "one world" mit großer Sensibilität.
Landau besitzt als frühere jahrhundertealte Festungsstadt und moderne Gartenstadt, die heutige die größte Weinbaugemeinde Deutschlands darstellt, eine besondere Affinität zum Thema. Sie war und ist durch ihre Geschichte seit Jahrhunderten dem Gegensatz von Kultur und Natur besonders ausgesetzt. Der Plan der Ausrichtung der rheinland-pfälzischen Landesgartenschau 2014 verleiht dem Projekt heute schon zusätzliche Aufmerksamkeit und Bedeutung.
Die Ausstellung des Kunstvereins soll aktuelle Möglichkeiten der künstlerischen Wahrnehmung, geistigen Bewältigung und Darstellung der Polaritäten von Kultur wie Natur verorten:  Malerei Plastik, Installation, Fotografie und Performance von zwölf Künstlerinnen und Künstlern aus Rheinland-Pfalz, der ehemaligen Kurpfalz sowie angrenzenden Bundesländern sollen ein breites Spektrum unsere heutigen künstlerischen "Naturperspektive" bieten.