Rückblick


Die Wiedergabe von Haut als „Leibfarbe“ oder „Fleischfarbe“ gehört zu den großen und faszinierenden Aufgaben in der abendländischen Kunstgeschichte. In alten Malereitraktaten lesen wir von Rezepturen, die angeben, auf welche Art und Weise die Körperoberfläche von Frauen, Männern und auch Toten zu gestalten sind. Die Darstellung von Haut galt als so bedeutend, dass sie auch bei Werkstattarbeiten stets vom Meister eigenhändig ausgeführt wurde.

Das Ausstellungsprojekt Hautsache Kunst – Künstlersonderbund und Gäste im Kunstverein Villa Streccius präsentiert am Beispiel des faszinierenden Themas Haut-Kunst elf spannende künstlerische Positionen. In Hautsache Kunst liegt das zentrale Augenmerk direkt auf der Haut.
Die Darstellung von Haut ist bei Akt, mehrfigurigem Bild oder Portrait von entscheidender Bedeutung, denn die individuelle künstlerische Körperauffassung ist unmittelbar gekoppelt mit der Wiedergabe der Körperoberfläche. Und hieraus ergibt sich die spannende Frage: Wie gestalten heutige KünstlerInnen diese große Aufgabe in ihrer eigenen und unverwechselbaren Bildsprache?

In seiner Winterausstellung zeigt der Kunstvereins Villa Streccius e.V. an ausgewählten Beispielen von Mitgliedern des Künstlersonderbundes eine aufregende Vielfalt an Möglichkeiten zeitgenössischer Haut-Kunst. Die aktuelle Hautmalerei ist vertreten durch Bilder von Menschen verschiedenen Alters, männliche und weibliche Akte, figürliche Szenen sowie die Wiedergabe eines Leichnams. Körperoberfläche wie Körperhaltung sind hierbei voller ästhetisch-optischer, wie inhaltlicher Informationen. Wir erleben subtile Feinmalerei sowie ausdrucksstark-freie Farbsetzungen.

Bilder von nackter, mit Photoshop geschönter Haut überfluten uns heute in Werbung und Medien. Hingegen gibt uns Hautsache Kunst Anregung für einen neuen und sensiblen Blick auf unser größtes abgrenzend uns schützendes und zugleich so schmerzempfindliches Körperorgan.
Der Malerei werden dabei dreidimensionale Arbeiten aus dem Bereich des Plastischen sowie der Objektkunst gegenübergestellt. Einen ganz eigenen Haut-Zugang hat der international renommierte Künstler Horst Egon Kalinowski. Er wurde als Gast die Villa Streccius eingeladen. Kalinowskis Hautbezug ist sehr konkret: In seinen Stelen, Wand- und Bodenarbeiten verwendet er Leder als greifbar-sinnliches Arbeitsmaterial, das Aussehen und Wirkung seiner Kunstwerke ganz wesentlich bestimmt.
Anja Luithle, ebenfalls Gast des Kunstvereins Landau, zeigt kinetische Objekte, in denen sie das Thema „Haut“ aus weiblicher Sicht geistreich-ironisch kommentiert.

Dr. Barbara Clemens

Der Künstlersonderbund bezieht in der heutigen globalisierten Kunstwelt eine eigenständige Position: In unserer Welt der Bilderflut ist Realismus für die Mitglieder ein zentrales Kennzeichen der „Ehrfurcht vor dem Lebendigen, der erfahrbaren Wirklichkeit“. Von Berlin ausgehend, möchte man in Ausstellungen und Diskussionsforen den Dialog über die Aktualität und Vielfalt von aktuellen realistischen Positionen in Malerei und Plastik im gesamten Bundesgebiet intensivieren.

Wir danken der Galerie Tilo Ruppert in Landau in der Pfalz (Horst Egon Kalinowski) sowie der Galerie KK Klaus Kiefer in Essen (Johannes Grützke) für die ausgezeichnete Zusammenarbeit.

< zurück | weiter>